Eine blonde junge Frau mit schulterlangen Haaren versteckt sich hinter einer Wand aus mehreren senkrecht stehenden Holzbrettern. Man sieht allerdings die Hälfte ihres Körpers und die Hände, die sich um das Holz schließen. Nur ihr Gesicht versteckt. Sie trägt ein weißes Spitzen-Shirt und eine lockere mintfarbene Hose. Das Bild ist hell und farblich eher kühl gestaltet
Essay Intros und Extros

Der Unterschied zwischen schüchtern und introvertiert

Introvertierte sind schüchtern. Immer wieder höre ich die Annahme, dass Schüchternheit ein Kennzeichen für Introversion ist. Häufig wird introvertiert sogar als Synonym für schüchtern verwendet. Vielleicht, weil es besonderer klingt, gebildeter erscheint?

Richtig ist es aber nicht. Denn eine introvertierte Person ist nicht zwangsläufig schüchtern. Und auch eine eigentlich extrovertierte Person kann schüchtern sein.

Schüchtern bedeutet nicht introvertiert

In unserem Sprachgebrauch lassen Menschen den Unterschied schnell verschwimmen, da viele auch gar nicht wissen, was es mit der Intro- und Extroversion eigentlich auf sich hat. Dabei gibt es einen klaren Unterschied. Schüchternheit ist eine soziale Angst. Man fürchtet sich davor etwas falsch zu machen, jemanden zu verärgern oder selbst blöd dazustehen.

Diese Angst entsteht natürlich häufiger bei Menschen, die eher verkopf sind, sich viele Gedanken machen und sensibel auf Stimmungen und zwischenmenschliche Spannungen reagieren. Das trifft häufig auf Introvertierte zu und ist vermutlich auch der Grund, warum viele Menschen die beiden Begriffe als Synonyme verwenden.

Dagegen ist Introversion eine angeborene Charaktereigenschaft. Introvertierte Menschen entscheiden sehr bewusst, mit wem sie sich unterhalten wollen. Denn soziale Kontakte kosten sie Energie. Und diese Energie nutzen sie häufig lieber für tiefgehende Gespräche und Menschen, die sie bereits gut kennen und schätzen. Dafür lassen sie Smalltalk mit Fremden oder losen Bekannten lieber aus.

Außerdem haben sie einfach weniger das Bedürfnis danach, mit jedem zu sprechen und sich viel auszutauschen. Das ist einfach nicht ihre Priorität. Deshalb bleiben sie in größeren Runden oft still. Und Menschen, die nicht viel sagen und selten auf neue Menschen zugehen, werden schnell als schüchtern wahrgenommen.

Entscheidend für die Unterscheidung ist der Grund für dieses Verhalten: Schüchternheit – also Angst – oder Introversion.

Ein weiterer Unterschied: Kennzeichen für eine Angst – und deshalb eben auch für Schüchternheit – ist die Tatsache, dass man diese auch wieder verlieren kann. Indem man sich seinen Ängsten stellt und / oder immer wieder feststellt, dass diese unbegründet sind. Viele verlieren ihre Schüchternheit auch, wenn sie über die Zeit mehr Selbstvertrauen erlangen.

Ihr werdet einige Menschen treffen, die euch erzählen, dass sie als Kind sehr schüchtern waren, es mittlerweile aber nicht mehr sind.

Introversion als angeborene Eigenschaft bleibt für immer. Man kann lernen damit umzugehen, seine Stärken zu nutzen und die Schwächen auszugleichen, aber man wird sie niemals verlieren.

„Fälschlicherweise halten viele die zurückhaltende Art introvertierter Menschen für Schüchternheit. Schüchterne Menschen haben Angst vor sozialen Kontakten. Sie fürchten sich davor, von ihren Mitmenschen verurteilt zu werden. Introvertierte aber sind nur nach innen gekehrt. Sie fürchten sich nicht vor sozialer Interaktion, sie brauchen lediglich einen Grund dafür.“

Karrierebibel

Wie oben schon beschrieben, begünstigen einige Intro-Eigenschaften die Entstehung von Schüchternheit. Deshalb gibt es tendenziell mehr schüchterne Intros als schüchterne Extros. Aber natürlich kann auch eine eigentlich extrovertierte Person schüchtern sein oder zum Beispiel Angst haben, vor Gruppen von Menschen zu sprechen. Es kommt vielleicht etwas weniger häufig vor als bei den Intros, ist aber trotzdem ganz normal.

Das Problem ist unser Sprachgebrauch

Das große Problem in diesem Fall ist unser Sprachgebrauch. Viele kennen den Unterschied zwischen Schüchternheit und Introversion einfach nicht. Denn noch immer wissen viel zu wenige Menschen über das Intro-Extro-Spektrum Bescheid.

Aber selbst ohne diese Theorie bedeutet das Adjektiv „introvertiert“ in der deutschen Sprache eben nicht das gleiche wie „schüchtern“.

Der Duden definiert „introvertiert“ als „auf das eigene Seelenleben gerichtet, nach innen gekehrt; verschlossen“. Und diese Definition finde ich größtenteils zutreffend. „Schüchtern“ taucht übrigens auch nicht unter den Synonymen auf.

Das Adjektiv „schüchtern“ hingegen, bedeutet nach Duden „scheu, anderen gegenüber gehemmt“ und „nur vorsichtig, zaghaft [sich äußernd] in Erscheinung tretend“. Auch hier wird introvertiert nicht als Synonym gelistet.

Demnach macht auch der Duden einen eindeutigen Unterschied: Schüchtern und introvertiert sind nicht das gleiche!

Warum ein korrekter Wortgebrauch so wichtig ist

Die Schwierigkeit ist – wie immer im Zusammenhang mit einem missverständlichen Gebrauch von Sprache – das Schwinden von Sichtbarkeit und Verständnis. Dadurch, dass diese beiden Begriffe verschmelzen, werden wir weder der Schüchternheit noch der Introversion gerecht.

Eine schüchtern wirkende Frau mit schwarzen Haaren, Brille und einem traditionell chinesisch angehauchten weißen Kleid läuft durch einen Bogengang mit gelben Wänden. Sie schaut links aus dem Bildausschnitt heraus in die Ferne

Denn Schüchternheit ist eben etwas, das man überwinden kann, während die Introversion für immer bleibt.

Durch diesen Sprachgebrauch wird nun entweder die Schüchternheit als etwas Permanentes, Unumgängliches dargestellt (was nicht heißt, dass es leicht ist, daran etwas zu ändern. Viele verlieren sie nie ganz). Oder aber, die Introversion wird als eine Eigenschaft gesehen, die man einfach verändern oder verlernen kann.

So hat eine schüchterne Person vielleicht das Gefühl sich niemals zu trauen, mit einer fremden Person zu sprechen und eine introvertierte Person wird mit ihrer Charaktereigenschaft nicht ernst genommen.

Außerdem wird die Introversion auf das Feld der Schüchternheit reduziert, dabei gehört so viel mehr dazu. Die schüchtern wirkende Zurückhaltung von Introvertierten ist nur das offensichtlichste äußere Anzeichen, nicht das Einzige, was Introversion ausmacht.

Wichtig in diesem Zusammenhang: Schüchternheit ist, genauso wenig wie Introversion, etwas Schlechtes! Aber es gibt Unterschiede, sie sind nicht das Gleiche. Und dessen sollte man sich bewusst sein.

Viele Menschen, die mal schüchtern waren, werden nie fröhlich und offen auf jeden fremden Menschen zugehen. Denn sie sind von Natur aus häufig zurückhaltend, vielleicht etwas verschlossen. Das ist dann aber keine Angst mehr sondern Vorsicht.

Wir können also durch die korrekte Verwendung unserer Sprache dazu beitragen, dass beide Begriffe die Bedeutung bekommen, die ihnen zusteht und damit unseren Beitrag leisten, dass mehr Menschen ihre Schüchternheit oder Introversion als das ansehen, was sie eigentlich ist.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann man sagen: Viele introvertierte Menschen sind schüchtern, aber nicht alle schüchternen Menschen, sind introvertiert. Denn Schüchternheit ist eine soziale Angst, während Introversion eine angeborene Charaktereigenschaft ist.

Wir können durch korrekte Verwendung dieser Adjektive dafür sorgen, dass beide Wörter ihre eigentliche Bedeutung entfalten können.

Welche Missverständnisse zum Thema Intro- und Extroversion kennst du noch?


Quellen: Duden https://www.duden.de/rechtschreibung/schuechtern & https://www.duden.de/rechtschreibung/introvertiert, Karrierebibel, Leise Menschen – Starke Wirkung von Sylvia Löhken

Bildnachweis: Titelbild von Daria Shevtsova, mittleres Bild Frau in weißem Kleid von Trần Long, beide über Pexels

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2 Kommentare

  1. says:

    Hallo Melanie,

    oh ja, das gute alte Missverständnis, dass schüchtern und introvertiert dasselbe sind. Ich glaube, man kann nicht oft genug darüber aufklären und versuchen, diesen Irrtum aus den Köpfen der Menschen herauszubringen.

    Übrigens fand ich es spannend zu lesen, dass der Duden ebenfalls den Unterschied macht und die beiden Begriffe nicht als Synonyme listet. Dann ist wohl wirklich der alltägliche Sprachgebrauch das Problem.

    Ganz liebe Grüße
    Mim

    1. says:

      Hallo Mim,
      definitiv. Dabei geht es ja nicht nur um richtige Vokabeln, sondern vor allem darum, mehr Verständnid für seine Mitmenschen zu haben.
      Und ja, ich begründe auch gerne mit dem Duden, obwohl das vielleicht erst Mal etwas trocken erscheint. Aber es zeigt eben genau das: Es ist unser alltäglicher Sprachgebrauch, in dem die Wörter falsch verwendet werden, und nicht nur ein Wunsch von mir die beiden Begriffe zu unterscheiden. Introvertiert und schüchtern sind ganz offiziell nicht ds gleiche.

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