Sanduhr vor einem Streifen blauen Lichts
Essay

Corona stiehlt meine Zeit

Das Coronavirus hat sie mir gestohlen – die Zeit. Zeit, die ich mit meinen Freunden verbringen wollte. Zeit, in der Dinge passiert wären, auf die ich mich gefreut hatte. Und Zeit, in der ich mich endlich trauen wollte, ein paar Dinge zu probieren. Es ist eine Zeit, die ich niemals zurückbekommen werde. Situationen, die nie wieder so passieren werden. Denn nächstes Jahr haben sich die Voraussetzungen geändert. Menschen sind nicht mehr da oder haben einfach andere Ziele, andere Pläne. Zufälle werden nicht mehr auf die selbe Weise zusammentreffen, viele Dinge kann ich so niemals nachholen.

Ich fühle mich schon länger, als würde meine Zeit ablaufen. Noch dieses Jahr wird ein komplett neuer Lebensabschnitt für mich beginnen. Ich mache mein Abitur und es wird sich vieles ändern. Und nicht nur für mich.

„Es sind nicht nur die Momente, die mir verloren gehen. Nein, ich habe Angst, dass auch die Menschen verloren gehen, mit denen ich diese Erinnerungen gerne gesammelt hätte“

Was bleibt sind Fragen: Werden all diese Menschen in einem Jahr noch da sein? Werde ich meine jetzigen Herzensmenschen an räumliche Trennung und verstrichene Zeit verlieren? Es sind nicht nur die Momente, die mir verloren gehen. Nein, ich habe Angst, dass auch die Menschen verloren gehen, mit denen ich diese Erinnerungen gerne gesammelt hätte.

Ein ganzes Jahr ist vergangen, die Zeit wie Sand zwischen meinen Fingern davon gelaufen. Es war nicht alles schlecht in dieser Zeit. Es ist sogar einiges gutes geschehen. Zum Beispiel habe ich diesen Blog gestartet. Und trotzdem hätte ich sie gerne anders genutzt.

„Diese Erinnerungen sollen nicht zu Hause in Einsamkeit oder mit Masken und Sicherheitsabstand geschrieben werden“

Ich weiß, manch einer würde sagen: Du hast noch dein ganzes Leben vor dir. Und ich würde antworten: Nein, nicht mein ganzes. Denn diese Zeit ist eine besondere – und damit meine ich nicht Corona. Es passieren so viele Dinge, die ich niemals nachholen kann. Es werden Momente sein, an die ich mich mein ganzes Leben erinnern werde. Und diese Erinnerungen sollen nicht zu Hause in Einsamkeit oder mir Masken und Sicherheitsabstand geschrieben werden.

„Denn der Abstand hält nicht nur das Virus fern – sondern auch Gefühle“

Denn der Abstand hält nicht nur das Virus fern – sondern auch Gefühle. Nähe und Verbundenheit. Trauer und Freude. Und einen großen Stolz es geschafft zu haben (hoffentlich!), den man mit Abstandsregelungen kaum teilen kann.

Ich habe keine Gewissheit, dass ich diese Dinge so erfahren kann, wie ich mir das wünsche. Im Gegenteil. Ich habe die Gewissheit, dass es anders laufen wird. Denn solange nicht alles Menschen geimpft sind, noch das Virus sich auf wundersame Weise selbst eliminiert, weil es beschließt genug Schaden in der Welt angerichtet zu haben, können noch nicht mal die größten Optimisten von einem Ende ausgehen. Nur die größten Ignoranten. Und die Wahrscheinlichkeit, dass meine negativsten Vorstellungen zu meinem Abitur Realität werden, steigt an jedem Tag, der vergeht, ein bisschen weiter an.


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