Drei Frauen schauen in die Kamera. Ihre Köpfe sind aneinander gelehnt. Im Hintergrund sieht man einen Strand. Eine hat schwarze haare, eine braune und eine rötliche.
Intros und Extros

Was sind Intros und Extros? Eine Einführung in die Welt der Intro- und Extroversion

Jeder Mensch hat seine ganz eigene Persönlichkeit. Sie ist ein komplexes Geflecht aus Erbanlagen, Erfahrungen, Vorbildern, Umständen und vielleicht auch ein bisschen Zufall. Sie hat viele Seiten, ist nicht nur schwarz und weiß und kann mit ihren Milliarden unterschiedlichen Erscheinungsformen manchmal ganz schön verwirrend sein.

Wir haben unsere eigene Persönlichkeit, mit der wir leben und an uns arbeiten. Aber um uns herum finden wir noch so viele andere, die manchmal so ganz anders sind, als unsere eigene, oder doch ähnlicher, als wir zuerst denken.

Und gerade, weil die menschliche Persönlichkeit so ein ständig präsentes Thema ist, gibt es viele verschiedene Theorien, wie diese entsteht und welche Erscheinungsformen sie haben kann. Vor allem Gruppen oder Kategorien, in die man diese einteilen kann, sind interessant für viele Menschen, um ein wenig Ordnung in dieses chaotische Charaktergeflecht zu bringen.

In diesem Artikel geht es um eine dieser Persönlichkeitstheorien, von der ich persönlich sehr überzeugt bin. Sie hat mir sehr viel weiter geholfen in meinem Selbstverständnis und in meiner Fähigkeit Andere zu verstehen. Ich bin der Meinung, dass diese Theorie vielen Menschen helfen könnte und viel mehr Leute sie kennen sollten. Deswegen möchte ich nun das Konzept der Intros und Extros erklären.

Was sind Intros und Extros?

Die Intro-Extro-Theorie teilt Menschen grundlegend in zwei Typen ein: Die introvertierten und die extrovertierten Persönlichkeiten, oder eben kurz: Intros und Extros.

Allerdings gehen diese Begriffe mit Bezug auf diese Theorie weit über die so häufig umgangssprachlich verwendete Definition hinaus. Demnach ist eine extrovertierte Person kontaktfreudig und offen, wohingegen das Wort introvertiert oft gleichbedeutend mit schüchtern und verschlossen verwendet wird. Diese Definition nicht komplett falsch, allerdings gehen die Persönlichkeitstypen noch deutlich tiefer.

Introversion und Extroversion (so heißt das wissenschaftlich) beruhen auf einer Persönlichkeitstheorie, die von verschiedenen Kommunikationsexperten, Psychologen und anderen Wissenschaftlern erforscht wird und wurde. Sie geht zurück auf Carl Gustaf Jung. Dieser lebte zur gleichen Zeit wie Sigmund Freud, die beiden haben auch eine Zeit lang zusammengearbeitet, sich dann aber zerstritten.

Den beiden Persönlichkeitstypen werden verschiedene, häufig zueinander gegenteilige, Eigenschaften und Verhaltensweisen zugesprochen. Diese beruhen wiederum auf der Funktionsweise des Gehirns, die sich bei Intros und Extros unterscheidet. Man kann sagen, dass Intros und Extros die Welt auf unterschiedliche Weise wahrnehmen.

Aus der Intro- oder Extroversion resultieren dann spezifische Bedürfnisse, aber auch jeweils Stärken und Schwächen.

Es geht aber nicht um zwei völlig voneinander getrennte Schubladen, nein, diese Theorie beschreibt ein Spektrum, auf dem jeder Mensch seinen individuellen Platz hat (Intro-Extro-Kontinuum). Jedoch tendieren die aller meisten Menschen doch zu einer von beiden Seiten.

Man sieht eine Linie mit einem Pfeil an jedem Ende. In der Mitte trennt ein Balken zwie seiten ab. Über der linken Seite steht introvertiert, über der rechten extrovertiert.
Einfache Darstellung des Intro-Extro-Kontinuums

Die genaue Auslegung und Beschreibung von Introversion und Extroversion (manchmal auch Extraversion genannt), unterscheidet sich bei unterschiedlichen Forschern. Trotzdem teilen die aller meisten eine Grundessenz.

Ich berufe mich vor allem auf die Bücher von Sylvia Löhken, Susan Cain und meine eigenen Erfahrungen, Beobachtungen und Recherchen in meinem Umfeld oder im Internet.

Was bedeutet es, extrovertiert zu sein?

Extrovertierte Personen werden typischerweise beschrieben, als gesellig, abenteuerlustig und aufgeschlossen gegenüber neuen Kontakten. Sie genießen Treffen mit größeren Gruppen von Menschen und langweilen sich, wenn über längere Zeit nichts um sie herum passiert.

Extros können sehr emotional sein, vielleicht auch impulsiv, und haben das Bedürfnis ihre Emotionen frei nach außen zu zeigen und auszuleben.

Ihr Fokus liegt auf dem, was sie direkt wahrnehmen, auf dem, was in ihrer Umwelt passiert. Denn Extros konzentrieren sich auf das direkte Erleben. Ihre Energie ziehen sie aus genau diesen Erlebnissen und den Kontakten mit anderen Menschen.

Was bedeutet es, introvertiert zu sein?

Introvertierte Personen werden häufig beschrieben, als ruhig, sensibel und zurückhaltend. Sie bevorzugen Treffen mit einer Einzigen oder zwei Personen, die sie gut kennen und mögen. Es macht ihnen aber auch überhaupt nichts aus, Zeit alleine zu verbringen – im Gegenteil, sie genießen das sogar.

Intros behalten ihre Gefühle lieber für sich, weshalb sie häufig als verschlossen oder sogar unnahbar wahrgenommen werden.

Introvertierte legen ihren Fokus auf ihre innere Welt, ihre Gefühle und Gedanken. Sie konzentrieren sich vor allem auf die Bedeutung von Ereignissen. Ihre Energie ziehen sie aus der Zeit, die sie alleine verbringen, in der sie ihren Gedanken nachhängen und sich in Ruhe eigenen Aufgaben und Projekten widmen können.

Wie kann man sich diese Einteilung vorstellen?

Man kann sich diese Einteilung wie ein Spektrum vorstellen, eine Skala, auf der man an unterschiedlichen Punkten stehen kann. An einem Ende steht die Introversion, am anderen die Extroversion.

Überwiegen die Intro-Merkmale die Extro-Merkmale deutlich, dann ist man auf dem Spektrum näher am Außenpunkt der Introversion. Oder sie sind weniger stark ausgeprägt, überwiegen aber trotzdem noch, dann ist man der Mitte näher. Genauso können die Extro-Merkmale dominieren und man ist dem Extro-Außenpunkt näher. Es ist ein Spektrum, auf dem jeder seinen individuellen Platz hat.

Man sieht eine Linie, die jeweils in einer Pfeilspitze endet. In der Mitte wird sie getrennt. Ganz links steht Introvertiert, ganz rechts extrovertiert. Oberhalb der Linie befindet sich ein Graph, der an den Seiten ganz niederig ist und zur Mitte hin stark ansteigt.
Symbolbild – keine reellen Zahlen

Würde man eine große Anzahl von Menschen auf diesem Spektrum einordnen, würde man wohl eine Ballung im Mittelraum feststellen. Denn obwohl die aller meisten Menschen entweder zu der einen oder der anderen Seite tendieren, sind sie doch nicht völlig auf einer Seite festgenagelt.

Das menschliche Wesen besteht naturgemäß aus vielen verschiedenen Eigenschaften, die so oft widersprüchlich sind. Unsere Persönlichkeiten lassen sich nicht einfach in zwei klar voneinander getrennte Schubladen stecken.

Deswegen hat jeder Mensch Intro- und Extro-Merkmale. Entscheidend ist, wo der Schwerpunkt liegt.

Einen Menschen, der zu 100% introvertiert oder zu 100% extrovertiert ist, gibt es nicht. Man kann sich dem bildlichen Ende des Spektrums stark annähern aber die meisten Menschen finden sich eher im gemäßigten Mittelbereich – und das ist gut so!

Wie viele Intro- und Extrovertierte gibt es?

Auf diese Frage gibt es (noch) keine genaue Antwort. Bei verschiedenen Studien sind unterschiedliche Ergebnisse entstanden, die auch davon abhängen, wie genau man die Intro-Extro-Theorie auslegt.

Einige Forscher, wie Laurie Helgoe und Devora Zack, gehen davon aus, das das Verhältnis in der Weltbevölkerung annähernd ausgeglichen ist. Viele Menschen befinden sich dabei natürlich im Mittelbereich, wie im vorherigen Abschnitt bereits erklärt.

Andere Forscher gehen von einer Verteilung von 30-40% introvertierten und 60-70% extrovertierten Menschen aus. Susan Cain, die viele mögliche Antworten auf diese Frage verglichen hat, schreibt sogar von einer Range zwischen 30% und 70% Introvertierten.

In jedem Fall kann man sagen, dass du in deinem Umfeld sowohl Extros als auch Intros vorfinden wirst.

Es scheint oft so, als wären die Extrovertierten deutlich in der Überzahl. Das täuscht aber: Durch ihr auffälligeres und „lauteres“ Verhalten wirkt es schnell so als gäbe es mehr extrovertierte Menschen, die introvertierten sind oft nur unauffälliger. Zusätzlich geben viele eigentlich introvertierte Menschen vor, extrovertiert zu sein, beziehungsweise zeigen typisch extrovertiertes Verhalten. Das machen sie, um in unserer Gesellschaft zu bestehen, die die extrovertierten Eigenschaften als Ideal preist und das stille, zurückhaltende Gemüt der Intros als Last darstellt oder gar als psychisches Problem, das man wegtrainieren sollte. Warum das gar nicht geht, werde ich nochmal im nächsten Abschnitt erklären. Es ist aber auch nicht erstrebenswert, denn die Intros haben ihre ganz eigenen Stärken, mit denen sie die Gesellschaft genauso bereichern, wie ihre extrovertierten Mitmenschen.

Sind Intro- und Extroversion angeboren?

Man sieht das Profil zweier Frauen. Die eine mit einer dunklen Hautfarbe, die andere mit einer sehr hellen. Beide Lächeln

Ja, Introversion sowie Extroversion sind ein angeborenes Temperament. Es liegt in deinen Genen festgeschrieben und zeigt sich auch an der funktionsweise deines Gehirns. Intros und Extros nehmen die Welt tatsächlich auf unterschiedliche Weise wahr.

Ein Unterschied liegt in unserem Angstzentrum, dem Mandelkern oder auch Amygdala genannt. Wird eine Gefahr erkannt, sorgt der Mandelkern dafür, dass sich unser Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Bei Introvertierten ist der Mandelkern reaktiver, reagiert also empfindlicher und löst so schneller Angstreaktionen aus, als er es bei extrovertierten Menschen macht.

Somit haben introvertierte Menschen „bauartbedingt“ schneller Angst und gehen weniger Risiken ein. Dafür handeln sie häufig vorausschauend, sind aber leider auch anfälliger für Stress, weil ihr Gehirn Dinge schneller als „Bedrohung“ einstuft.

Was bringt einem dieses Wissen?

Das Wissen um die Intro- und Extroversion, erlaubt einem sich selbst besser zu verstehen. Indem wir uns selbst einordnen, beschäftigen wir uns mit unserer eigenen Persönlichkeit. Wir lernen welche Aktivitäten uns Energie geben und, welche sie uns wieder nehmen. Wir lernen, warum wir uns auf eine gewisse Weise verhalten und welche Stärken und persönlichen Hürden daraus für uns entstehen.

Gerade vielen Introvertierten hilft es, sich selbst mehr anzunehmen und zu erkennen, dass auch sie wertvolle Eigenschaften haben, was uns in einem vom Ideal der Extroversion geprägten Land wie Deutschland, leider oft anders vorgelebt wir.

Diese Theorie liefert den Menschen außerdem eine Erklärung für ihr Verhalten und vermittelt gleichzeitig, dass es okay ist, so zu sein. Auch wenn das vermeintliche gesellschaftliche Ideal vielleicht anders aussieht.

Das Wissen um Intro- und Extroversion hilft aber auch, andere Menschen und ihr Verhalten besser zu verstehen. Das wiederum verbessert das Zusammenleben und sorgt im Idealfall für mehr Rücksichtnahme in Bezug auf die Bedürfnisse anderer Menschen.

Was du dir auf jeden Fall merken solltest:

Das waren jetzt sehr viele Informationen. Deswegen habe ich hier nochmal die wichtigsten Punkte zusammengestellt als eine Liste der Dinge, aus diesem Artikel, die du dir unbedingt merken solltest.

  1. Intro- und Extroversion sind zentrale Begriffe einer Persönlichkeitstheorie, die die Menschen in introvertiert und extrovertiert einteilt.
  2. Es handelt sich hierbei um ein Spektrum, kein klar getrenntes Schubladendenken. Auf diesem Spektrum hat jeder Mensch seinen individuellen, beweglichen Platz.
  3. Extrovertierte Menschen fokussieren sich auf ihre Umwelt und das direkte Erleben. Energie ziehen sie aus Erlebnissen und dem Kontakt mit anderen Menschen.
  4. Introvertierte Menschen fokussieren sich auf ihre innere Welt und die Bedeutung von Erlebnissen. Ihre Energie ziehen sie aus der Zeit für sich allein.
  5. Intro- oder Extroversion ist ein angeborenes Temperament.
  6. Diese Theorie kann dir dabei helfen dich selbst und Andere besser zu verstehen.

Kanntest du die Intro-Extro-Theorie schon? Und hast du noch weitere Fragen? Schreib mir gerne einen Kommentar 🙂


Quellen: www.introvertiert.org, www.stillunsensibel.com, Still: Die Kraft der Introvertierten von Susan Cain (2013), Leise Menschen – starke Wirkung: Wie sie Präsenz zeigen und Gehör finden von Sylvia Löhken (2015)

Bilder: Titelbild: Anna Shvets über Pexels; Foto Zwei Frauen im Profil von Angela Roma; Graphiken von mir

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