Eine junge Frau schiebt einen Rollstuhl. Zusammen schauen sie über ein grünes Tal
Politik

Pflichtdienst für Jugendliche einführen – Ein Pro & Contra

Ein verpflichtender sozialer Dienst für Jugendliche nach dem Schulabschluss? Das möchte unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

So ein Pflichtdienst könnte natürlich bei der der Bundeswehr geleistet werden, „die soziale Pflichtzeit könnte meiner Meinung nach genauso bei der Betreuung von Senioren, in Behinderteneinrichtungen oder in Obdachlosenunterkünften geleistet werden“, sagt Steinmeier der Bild am Sonntag.

Es geht also um eine Art freiwilliges soziales Jahr (FSJ) – aber verpflichtend. Ein FSJ absolvieren sowieso schon viele Jugendliche nach dem Schulabschluss. Steinmeier möchte das nun staatlich anordnen, weil er der Meinung ist, damit würden die Demokratie und der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt werden.

Übrigens: Er hat nicht davon gesprochen, dass der Dienst ein ganzes Jahr gehen muss. Das FSJ ist nur das ähnlichste, was wir aktuell zu diesem Vorschlag haben. Deswegen nutze ich es als Vergleich.

Der Vorschlag einen Pflichtdienst einzuführen, hat Unmengen an Reaktionen hervorgerufen. Überall wurde darüber diskutiert, riesige Wellen an Meinungsäußerungen und vor allem: Ganz viel Kritik.

Eine große Anzahl an Menschen ist gegen solch einen Pflichtdienst.

Warum? Und was sagen die Befürworter? Ich werde nun einige Pro- und Contra-Argumente darstellen, möglichst wertfrei, damit du dir deine eigene Meinung bilden kannst.

Die Frage lautet: Sollten wir einen Pflichtdienst für Jugendliche einführen, wie von Bundespräsident Steinmeier vorgeschlagen?

Pro-Argumente

  • Engagement für die Gesellschaft. Das stärkt die Verbindung und den Zusammenhalt der Menschen untereinander. Jeder trägt seinen Teil zur Gesellschaft, unserem Zusammenhalt und unserem Land bei.
  • Neue Perspektive nach dem Schulabschluss: Kontakt mit ganz neuen Menschen, Perspektiven und Altersgruppen. In der Schule hat man ja doch vor allem mit Gleichaltrigen zu tun. Ein Pflichtdienst weicht die Altersgrenzen auf und könnte den Jugendlichen helfen, sich auf einen zukünftigen Beruf mit ganz unterschiedlich alten Kollegen einzustellen. Denn unterschiedliche Generationen agieren auch oft ganz unterschiedlich. Nicht umsonst gibt es Forscher, die sich mit den typischen Verhaltensweisen von Generation X,Y,Z oder den Babyboomern beschäftigen.
  • Erster Einblick in die Arbeitswelt, ohne den Druck sich gleich für „seinen“ Beruf entscheiden zu müssen
  • Entlastung für die sozialen Berufe, die mit extremem Personalmangel zu kämpfen haben: Einfache Aufgaben können an die Jugendlichen abgegeben werden
  • Jugendliche schnuppern in die sozialen Berufe und finden vielleicht Freude daran. Das könnte sie ermutigen nach dem Dienst eine Ausbildung in dem Sektor zu machen. Eventuell könnte man die Erfahrungen aus dem Dienst gleich in der Ausbildung anrechnen: Nachwuchsgewinnung, Schritt gegen den Fachkräftemangel
  • Anderen helfen macht glücklich. Der Mensch ist ein soziales Wesen und möchte aus seiner Natur heraus diese Verbundenheit mit anderen Menschen spüren. „Die Wissenschaft hat sogar herausgefunden, dass freiwillige Helfer und sozial engagierte Menschen gesünder, zufriedener und stressresistenter sind als jene, die nur auf ihr eigenes Wohl bedacht sind.“ (Quelle)
  • Viele Jugendliche wissen nach dem Schulabschluss sowieso noch nicht, was sie machen wollen. Das ist ein Jahr mehr Zeit, zu entscheiden und sich zu orientieren.
  • Stärkt die Empathie gegenüber hilfsbedürftigen Menschen. „Gerade jetzt, in einer Zeit, in der das Verständnis für andere Lebensentwürfe und Meinungen abnimmt, kann eine soziale Pflichtzeit besonders wertvoll sein. Man kommt raus aus der eigenen Blase, trifft ganz andere Menschen, hilft Bürgern in Notlagen“, sagt Steinmeier.

Contra-Argumente

  • Wirkt wie eine Idee, um dem Fachkräftemangel billig auszugleichen – und das Problem auf die Schultern der Jugend abzuwälzen. Ein verpflichtender Dienst mit extrem niedriger Bezahlung – oder sogar ganz ohne – als Lösungsansatz. Das ist taktlos und respektlos ist gegenüber den Jugendlichen und den Tätigen in der sozialen Arbeit.
  • Ein paar Jugendliche können den enormen Fachkräftemangel in der Branche nicht beseitigen. Dafür braucht es qualifiziertes Personal, keine Praktikanten, die dann nach einem Jahr wieder wechseln
  • Unmotivierte Jugendliche in Pflegeheimen oder Kindergärten bringen niemandem was: Weder den Jugendlichen noch den Betreuten, noch dem Personal
  • Entscheidungsfreiheit: Es schränkt die Jugendlichen in ihrer freien Entscheidung ein, sie zu solch einem Dienst zu zwingen. Sie sind vielleicht gerade 18 geworden und fertig mit der Schule. Sie hätten das erste Mal in ihrem Leben die Chance wirklich frei zu entscheiden und freuen sich teilweise seit Jahren auf diesen Moment, aber dürfen es trotzdem nicht. Sie dürfen trotzdem nicht frei entscheiden, was sie mit ihrem Leben machen wollen.

„Wir sollten unseren jungen Menschen, die unter der Corona-Pandemie besonders gelitten und sich trotzdem solidarisch mit den Älteren gezeigt haben, weiterhin die Freiheit zur eigenen Entscheidung lassen.“

Bundesfamilienministerin Lisa Paus
Zwei dunkelhaarige junge Menschen stehen nebeneinander mit verschränkten Armen, lehnen sich aneinander und schauen in die Kamera. Sie tragen blaue T-Shirts mit der Aufschrift "Volunteer"
  • Viele Jugendliche engagieren sich bereits ehrenamtlich in Sportvereinen oder machen ein FSJ, FÖJ oder einen Bundesfreiwilligendienst
  • Die Regierung tut seit Jahren sehr wenig für Kinder und Jugendliche. Politik wird für die Erwachsenen gemacht, die Steuern zahlen und einflussreiche Positionen und/oder Kontakte haben. Es geht darum, mögliche Wähler zufrieden zu stellen. Kinder und Jugendliche haben keine Macht und werden deshalb in der Politik viel zu oft übergangen. Es gibt ja noch nicht mal in der Verfassung verankerte Kinderrechte! Man sollte erst einmal etwas für die Jugend tun, bevor man von ihnen verlangt „der Gesellschaft etwas zurückzugeben“, was sie vielleicht nie bekommen haben.
  • Falscher Zeitpunkt: Kinder und Jugendliche haben während der Pandemie die stärksten Einschränkungen erlebt und mussten wertvolle Jahre und Erfahrungen in ihrer Kindheit opfern, um die Risikogruppen zu schützen. Und die allermeisten haben das getan und sich an die Regeln gehalten. Ihnen jetzt schon wieder ein Stück ihrer Freiheit zu nehmen ist nicht fair. Sie können nicht immer mehr geben. Es ist Zeit, dass auch sie mal nehmen dürfen und ihre Jugend genießen können. Denn diese Zeit kommt nicht zurück. Und beschränkt hat man sie jetzt zwei Jahre lang aufs Härteste.
  • Die Zahl der psychisch erkrankten Jugendlichen ist während der Pandemie unglaublich gestiegen. Doch die Wartezeit auf einen Therapieplatz in Deutschland beträgt durchschnittlich 3-5 Monate! Eine lange Zeit, wenn man leidet. Die Politik sollte sich erst Mal um mehr Therapieplätze kümmern. Denn niemand kann aufopferungsvoll anderen Menschen helfen, wenn er selbst so dringend Hilfe braucht.
  • Freiwilligkeit spielt bei sozialem Engagement eine wichtige Rolle. Nicht nur treten viele positive Effekte für den Helfenden nur ein, wenn er dies aus eigenem Antrieb tut (vgl. Das empathische Gen, S.33 ff.). Auch agieren Menschen, nur dann freundlich und hilfsbereit, und tun so Anderen wirklich etwas Gutes, wenn sie aus freien Stücken helfen. Man kann niemanden zur Empathie zwingen. Und wenn man es doch versucht, werden diese Menschen sich garantiert nach ihrem Pflichtdienst nicht wieder sozial engagieren.

Du möchtest mehr solche Auflistungen mit Pro- und Contra-Argumenten? Schau hier vorbei


Bildrechte: Titelbild von truthseeker08; Bild „Volunteer“ von Mikhail Nilov

Quellen: Tagesschau, Onmeda.de, Buch Das empathische Gen von Joachim Bauer, Tagesschau auf Instagram

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