In einem leeren Raum mit weißer Wand und Parkettboden liegt eine Person auf dem Boden. Man sieht nur ihre Beine in dunkler Jeans. Kopf und Oberkörper sind bedeckt von einem Stapel brauner Pappkartons. Die Person ist quasi darunter begraben.
Intros und Extros

Warum Ruhepausen für Intros so wichtig sind – Das Introvert-Hangover

Regelmäßige Pausen und Zeit allein sind sehr wichtig für introvertierte Menschen – überlebenswichtig. Denn soziale Interaktion und jede neuartige Situation nehmen Intros Energie. Diese können sie nur allein und in möglichst bekanntem Umfeld wieder aufladen.

Fehlt ihnen Ruhezeit und ihre Energie ist aufgebraucht, oder passiert gerade mehr als ihr Gehirn in diesem Moment verarbeiten kann, spricht man von Überstimulation.

Reminder: Extros gewinnen Energie über soziale Aktionen, spannende Aktivitäten und neue Erfahrungen. Intros verlieren dabei Energie. Sie laden ihre Energiereserven durch Zeit allein und ruhige, bekannte Aktivitäten wieder auf. Mehr Informationen dazu, findest du hier.

Überstimulation kann natürlich auch bei extrovertierten Menschen auftreten, Introvertierte haben damit aber sehr regelmäßig zu tun.

Die Auswirkungen können vergleichsweise mild und zwar deutlich spürbar, aber nicht bedrohlich, sein. Das habe ich in Teil 1 dieser Serie beschrieben. Überstimulation kann aber auch sehr bedrohlich wirkende und extrem einschränkende Auswirkungen haben.

Starke Überstimulation kann zu einem Introvert-Hangover führen. Was das ist, erkläre ich jetzt.

Introvert-Hangover und absolute Reizüberflutung

Wir sind wieder im Postverteilungszentrum und es ist extrem viel los. Ein nicht endender Strom an neuen Päckchen. Der Ankunftsstapel wird immer höher und höher. Die Arbeiter werden regelrecht erschlagen von der schieren Menge an eintreffenden Päckchen. Alle rennen Kreuz und Quer durch die Räume, nehmen Päckchen mit, stellen sie irgendwo ab: Ohne System. Jeder versucht nur irgendwie mit dieser Masse an Päckchen umzugehen. Aber die Abläufe werden unkoordiniert, keiner weiß mehr, was der Andere überhaupt gemacht hat oder warum das Päckchen jetzt da steht, wo es steht. Jeder versucht alles gleichzeitig zu machen und schafft es doch nicht, irgendwas abzuschließen.

Eine junge Frau in einem weißen Oberteil liegt auf dem Boden. Um sie herum türmen sich braune Pappkartons. Sie reibt sich mit den Händen die Augen, wirkt erschöpft. Der Hintergrund ist eher düster, nur auf sie fällt ein direkter Lichtstrahl

Und das ist der Moment der absoluten Reizüberflutung: Wenn das Postzentrum überlastet ist und Chaos ausbricht.

Ich merke die Folgen einer absoluten Reizüberflutung oft erst so richtig am nächsten Tag. Das Postzentrum ist so voll und es herrscht so ein Chaos, dass niemand mehr zum Alarmknopf durchkommt.

Ich komme dann nach Hause, bin müde, will mich ausruhen. Aber der nächste Tag, ist der des eigentlichen Introvert-Hangovers.

Wieso der Name Introvert-Hagover?

Ich habe diesen Begriff neulich auf Instagram gelesen. Wie man auf Hangover kommt? Weil ein Introvert-Hangover sich ein bisschen anfühlt als hätte man einen Kater.

Ich kann das persönlich nicht wirklich bestätigen, weil ich quasi keinen Alkohol trinke. Aber trotzdem kommt mir der Begriff irgendwie sehr passend vor. Man ist quasi verkatert von zu viel sozialen Kontakten.

Hier mein Versuch das weiter zu erklären trotz mangelhafter eigener Alkohol-Kater-Erfahrung 😉 Während der Alkohol noch voll im Blut ist, fühlt man sich noch gar nicht so schlecht, der Alkohol puscht einen auf. Aber wenn sich der Alkoholpegel langsam abbaut und man am nächsten Morgen aufwacht, merkt man es dafür umso stärker. Kopfschmerzen, Überempfindlichkeit gegen Lautstärke, die Unfähigkeit irgendetwas zu tun und das Bedürfnis einfach nur Zuhause zu bleiben.

Das können Symptome eines Katers sein. Aber so fühlt sich auch ein Introvert-Hangover an. Dazu kommen aber noch viele, viele Gedanken.

Gedankenkarussell

Ich habe das Gefühl die Gedanken drehen sich im Kreis. Ich springe ständig von einem zum nächsten und schaffe es doch nie, einen davon fertig zu denken. Eigentlich leise Geräusche erscheinen plötzlich unglaublich laut, alles stört: Die Geräusche, das Licht, und vor allem jeder Mensch um mich herum.

Meine Gedanken hängen immer noch fest am gestrigen Tag. Ich kann mich kaum auf das konzentrieren, was gerade passiert, weil alles in wilden Gedankenströmen immer wieder auf gestern zurückfällt.

Dann weiß ich sicher, dass das gestern eine absolute Reizüberflutung war. Es war zu viel.

Das Einzige, was dann hilft, sind Ruhe und Alleinsein. In einer vertrauten und möglichst reizarmen Umgebung muss ich mich durch dieses Karussell an Gedanken kämpfen und alles sortieren. Das Postzentrum muss erst Mal all die durcheinandergefallenen Päckchen des gestrigen Tages aufräumen. Erst dann kann es wieder neue Päckchen aufnehmen. Und auch erst dann kann ich meine Akkus langsam wieder aufladen.

Wenn es zu diesem Punkt gekommen ist, war ich mit meinem Akku quasi im negativen Bereich. Und um wieder irgendetwas machen zu können, muss ich erst einmal wieder auf 0 kommen.

Wann kommt es zu einem Introvert-Hangover?

Wann dieser Punkt der Überstimulation bei einem introvertierten Menschen erreicht wird, kann unterschiedlich sein. Der Grund ist aber immer Reizüberflutung und zu wenig Ruhephasen, in denen all die Sinneseindrücke verarbeitet werden können.

Stresssituationen für Intros sind beispielsweise immer Treffen mit Gruppen von vielen Menschen, die man nicht gut kennt und, bei denen man womöglich auch noch einen guten Eindruck machen möchte – beispielsweise in der Arbeit. Menschengruppen sind laut, bewegen sich und sorgen für viele Eindrücke, die wir Menschen über unsere Sinne wahrnehmen.

Extrovertierte Personen filtern diese Wahrnehmungen oft stärker. Sie sortieren schnell nach Relevanz und so kommen erst gar nicht so viele Informationen zur weiteren Verarbeitung ins Gehirn. Außerdem fühlen sich Extros im Allgemeinen mit einem höheren Stimulationsgrad wohl.

Währenddessen filtern Intros weniger vorab aus, sondern verarbeiten mehr Informationen tiefgreifender. Das fordert Ressourcen. Deshalb entspricht ein generell niedriger Grad an Stimulation ihrem Gemüt.

Sind Introvertierte nun mit einer Vielzahl von Sinneseindrücken konfrontiert, ist das für sie im Allgemeinen anstrengender als für Extros.

Zusätzlich kommt hinzu, dass einige Intros sehr sensible Antennen für Emotionen und zwischenmenschliche Energien haben. So nehmen sie noch zusätzliche Informationen in sich auf, darüber, wie sich die Menschen fühlen, wie sie zueinander stehen und, was für eine Dynamik generell in ihrem Umfeld herrscht.

All das kommt in einzelnen Päckchen in unserem Postzentrum an. Und wenn es über zu lange Zeit mehr ist, als man verarbeiten kann, kommt es zur Überstimulation.

Ein Mann mit blonden lockigen Haaren sitzt an einem Esstisch mit mehreren Stühlen. Er hat die Hände auf der Tischplatte verschränkt und seinen Kopf darauf gelegt. Er wirkt erschöpft.

Eine Frage des Energiemanagements

Dieser Punkt kann mal früher mal später erreicht werden. Es kommt auf das genaue Umfeld und die genaue Situation an. Außerdem spielt die „Vorbelastung“ eine große Rolle.

Befindet sich die introvertierte Person bereits an Tag drei eines langen, mehrtägigen Seminars mit vielen Teilnehmern und kaum Zeit für sich selbst, ist der Punkt der Überstimulation an Tag 3 deutlich schneller erreicht als an Tag 1. Die Person ist einfach bereits erschöpft, hat viele Situationen erlebt, die sehr energiezehrend für ihre introvertierte Natur sind, und wenig Momente gehabt, die es ihr erlauben, ihre Energien wieder aufzuladen.

Ein Intro, der bereits gestresst ist, wird schneller überstimuliert. Dahingegen lassen sich schwierige Situationen mit vielen Reizen viel besser verkraften, wenn man generell ausgeruht ist und sich die Tage davor entspannen konnte.

Trotzdem ist absolute Reizüberflutung eigentlich eine Ausnahmesituation und nicht die Regel. Es passiert Introvertierten immer wieder, wie häufig genau hängt vom Umfeld, der Lebenssituation und den Fähigkeiten seine eigene Energie zu managen ab.

Wie kann man mit einem Introvert-Hangover umgehen?

Wenn man diesen Zustand erreicht hat, an dem die Gedanken nur noch Achterbahn fahren und jedes laute Geräusch eine Qual ist, hilft nur noch eins: Nicht dagegen ankämpfen. Körper und Geist das geben, wonach sie so dringend verlangen.

Ein Introvert-Hangover ist eine Alarmsirene und die kann man nicht ignorieren. Selbst wenn man wollte. Dein Körper sagt dir dann schon sehr deutlich, was er braucht. Und er kann auch erst dann wieder zu einem normalen Zustand zurückkehren, wenn er eben das bekommen hat.

Das ist zumindest meine Erfahrung. Und was bedeutet das?

Info-Übersicht "Was tun bei einem Introvert-Hangover". Schriftfeld vor einem Marmor-Hintergrund. In hellen Grau- und Lila-Tönen.

Ich lege mich dazu am liebsten auf mein Bett. Dazu mache ich gern meinen Sternenlicht-Projektor an. Das ist für mich beruhigend und hilft mir, meine Gedanken fließen zu lassen. Vielleicht hilft dir aber etwas anderes: Kerzen, Baden oder eine weiche Decke. Wenn es nicht (mehr) so schlimm ist, höre ich auch gern leise Instrumentalmusik.

Damit unterstützt du das Postverteilungszentrum: Dort werden Stück für Stück alle Päckchen vom Boden aufgehoben, katalogisiert und richtig eingeordnet. Das Chaos vom Vortag zu beseitigen, dauert eine Weile. Aber je bessere Arbeitsbedingungen du schaffen kannst, desto schneller geht es. Mit viel Ruhe und einem Tag Pause gelingt das. Und das wichtigste: Höre auf dich und deinen Körper.

Kannst du dich mit dem Begriff Introvert-Hangover identifizieren? Und was hilft dir in so einer Situation? Schreib es mir gerne! Was mich außerdem total interessieren würde ist, ob Extrovertierte vergleichbare Erfahrungen machen?


Bildrechte: Titelbild von Cottonbro; Frau liegt zwischen Kartons: Cottonbro; Mann sitzt am Tisch: Andrew Neel; Übersicht „Was tun bei einem Introvert Hangover“ von mir mit Hilfe von Canva

Quellen: Leise Menschen – starke Wirkung: Wie sie Präsenz zeigen und Gehör finden von Sylvia Löhken (2015); @hej.holy (Begriff Introvert-Hangover), eigene Beobachtungen und Erfahrungen

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