Sonnenuntergang über dem Wald. Die Bäume sind nur schwarze Umrisse, während der Himmel blau und orange ist und von rot beleuchteten Wolkenschleiern durchzogen ist.
Essay

Die Angst vieler Männer vor dem Feminismus

Unter fast jedem Social-Media-Post, der sich mit Gleichberechtigung oder Emanzipation der Frau befasst, und vor allem unter denen, die Sexismus anprangern, findet man diese Kommentare. Kommentare von Männern, die sich beklagen, dass diese Entwicklung ihnen ihre Männlichkeit nehmen will oder sich gar gegen Männer richtet. Manche beschimpfen sogar die Verfasser:innen und raten den Frauen mehr oder weniger subtil, sich doch wieder an ihren angestammten Platz hinter dem Herd zu bewegen.

Aber warum fühlen sie sich so angegriffen von einer Bewegung, die Frauen die gleichen Rechte geben will wie den Männern? Von einer Bewegung, die Chancengleichheit schaffen will? Und von einer Bewegung, in der Frauen ihre eigenen Entscheidungen treffen?

Sehen so viele eine Frau als Mensch zweiter Klasse an? Ist eine Frau für so viele Menschen naturgemäß dem Mann untergeordnet?

Ich will einfach nicht glauben, dass diese Vorstellung in Deutschland noch so verbreitet ist.

Aber woran liegt es dann? Das naheliegendste wäre: Angst. Denn Angst ist für Menschen häufig ein Grund sich in Abwehrhaltung zu begeben. Und zwar wäre das hier die Angst von den Frauen übertrumpft zu werden. Und die Reaktion darauf steht dann unter dem Motto: „Angriff ist die beste Verteidigung“.

Das wäre etwas plausibler.

Aber ich glaube der Großteil liegt an etwas anderem. Ich glaube der Grund, warum sich viele Männer gegen Feminismus wehren, liegt gar nicht an der Idee, dass es dabei um gleiche Rechte für Frauen und Männer geht. Ich glaube es liegt an den Punkten Selbstvertrauen, Selbstliebe und Selbstbestimmung.

Ich glaube, dass auch Männer sich häufig in ihre stereotypische Rolle gedrängt fühlen. Nur haben sie das in vielen Fällen noch nicht als Einengung erkannt.

Ich glaube, dass auch Männer sich häufig in ihre stereotypische Rolle gedrängt fühlen. Dass auch sie jahrhundertelang ein festes Bild hatten, wie ihr Leben zu sein hat und welche Rolle sie in Familie und Gesellschaft zu erfüllen haben. Nur haben sie das in vielen Fällen noch nicht als Einengung erkannt.

Und dieses festgelegte Bild, wird jetzt vom Feminismus ins Wanken gebracht. Denn eine gleichberechtigte, selbstbestimmt lebende Frau sorgt dafür, dass sich auch das Leben des Mannes ändern kann und muss. Die jahrhundertelang bestehende feste Rollenverteilung wird dadurch aufgelöst. Und nun müssen Angehörige aller Geschlechter entscheiden, wie sie ihr Leben leben wollen und welche Aufgaben sie in einer Gemeinschaft oder Familie erfüllen. Das Lebensziel ist nicht mehr von Geburt an festgelegt, und das bedeutet, dass nun auch der Mann aktiv werden und seinen eigenen Platz in diesem neuen Konstrukt suchen muss.

Das bedeutet einerseits mehr Raum für Individualität – für Mann und Frau. Man kann seine Rolle selbst definieren.

Andererseits, erfordert das aber auch einiges an Selbstreflektion. Man muss überlegen, was man eigentlich wirklich will, und das kann zu Unsicherheit führen.

Ich glaube, dass viele Männer nicht wissen, was sie eigentlich wollen. Jahrhundertelang lag ihre Aufgabe in der Arbeit und dem Geldverdienen, um die Familie zu ernähren und sie zu beschützen. Jetzt haben sie die Chance sich mehr auszuleben, ihr Leben auch anderen Dingen zu widmen. Ein Beispiel: In einer Familie arbeiten jetzt Mann und Frau. Dafür müssen sie vielleicht nicht beide 40 Stunden die Woche arbeiten, weil sie zusammen deutlich mehr Geld verdienen als der Mann es alleine könnte. Also arbeiten beide ein bisschen weniger und haben damit mehr Zeit, sich um das gemeinsame Kind zu kümmern, das nun ähnlich viel Zeit mit dem Vater, wie mit der Mutter verbringt. Und auch die Aufgaben im Haushalt werden untereinander aufgeteilt.

Man kann also die typischen Aufgaben in einer Familie anders verteilen, wenn man das möchte. Man kann sein Leben anders gestalten. Losgelöst von Geschlechtsstereotypen, die deine Rolle in jedweder Gemeinschaft vorgeben.

Das ist mehr Freiheit. Aber Freiheit führt auch zu Unsicherheit.

Deshalb glaube ich, dass viele Männer, die gegen Feminismus sind, schlichtweg Angst vor der Veränderung ihrer Welt haben. Ihr festgelegter Lebensplan zerfällt vor ihren Augen und sie fürchten sich davor ihren Platz in der sich neu entwickelnden Ordnung nicht mehr zu finden.

Es ist einfacher einem vorherbestimmtem Plan und Ziel zu folgen, als sich zu fragen, was man eigentlich selbst will.

Es ist einfacher einem vorherbestimmten Plan und Ziel zu folgen, als sich zu fragen, was man eigentlich selbst will.

Und das ist auch gleichzeitig die Antwort auf die Frage, ob Feminismus die Männer unterdrücken will. Nein. Aber in gewisser Weise unterdrücken die Männer sich selbst, indem sie sich an die letzten Reste der „alten Ordnung“ klammern und den Frauen vorwerfen die Schuldigen zu sein. Die Feministin ist dann das Feindbild, weil sie das „sichere Leben“ zerstört. Plötzlich wird die bisher bestehende Ordnung aufgelöst. Und daraus entsteht wiederum Unsicherheit.

Denn damit die Männer in dieser Entwicklung auch ihren Platz finden, müssen sie etwas tun: Sich fragen was sie selbst wollen. Es erfordert eine Auseinandersetzung mit sich selbst und eine Suche nach dem eigenen Platz, genauso wie Kommunikation in einer eventuellen Partnerschaft.

Der Feminismus an sich, hat nicht das Ziel, die Männer zu unterdrücken oder ähnliches. Wenn dann unterdrücken sie sich selbst – das Potenzial der Individualität in ihnen.

Aber die durch den Feminismus ausgelöste Entwicklung bietet auch ihnen eine Chance. Die Chance auf mehr Freiheit und Individualität. Es ist eine Chance für Menschen jedes Geschlechts.


Foto von Christian Rödel, @foto.upfing

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